Pergament [Ulrike Hamm]

Seit zweitausend Jahren wird auf Pergament die Welt beschrieben

Schmuck aus Pergament – ungeahnte Möglichkeiten, deren Erforschung ich mir zum Ziel gesetzt habe.

Pergament ist kein Werkstoff von der Stange, der genormt geliefert wird. Es ist störrisch, geheimnisvoll, lebhaft, kostbar, unberechenbar… Ein Material, das erspürt, erobert, erschlossen werden will. Von seiner Erscheinung und seinen Eigenschaften inspiriert, erahne ich immer wieder Neues, dem es nachzuspüren gilt.

Als Trägermaterial von geschriebener Information löste das Pergament etwa 250 n. Chr. das Papyrus ab. Ausgangsmaterial sind Häute von Kalb, Ziege und Schaf. Während bei der Lederherstellung das Fasergeflecht durch Gerbstoffe chemisch verändert wird, um die Beweglichkeit der Fasern zu erhalten, wird genau dies beim Pergament gezielt vermieden. Durch die sorgfältige Trocknung der gespannten Haut erwirbt das Material seine einzigartigen Eigenschaften: Pergament ist leicht und elastisch, aber kaum dehnbar. Selbst in langjährigem Gebrauch reisst oder bricht es nicht.

Um dem Pergament nahe zu kommen, lote ich seine Eigenschaften aus. Unterschiedliche Einflüsse wie Hitze, Kälte, Nässe oder Säure führen es an seine mechanischen Grenzen. Aus der Fläche entwickele ich dreidimensionale Formen und Verbindungen, Färbe- und Drucktechniken werden auf ihre Tauglichkeit für das Pergament untersucht. Die vorbereiteten Zuschnitte färbe ich in einer Reihe von Arbeitsschritten im Farbbad. Solange die Teile vom Färben noch weich und elastisch sind, werden sie zu Schmuckstücken montiert.

Während der Trocknung schrumpft das Pergament und legt sich entsprechend seiner Wachstumsrichtung. Teilweise wirke ich auf diesen Prozess ein. Dieses Wechselspiel von Einflussnahme und natürlicher Entwicklung läßt Raum für die häufig inspirierenden Überraschungen der dem Material innewohnenden Eigenschaften. Und erst jetzt entscheidet sich, ob sich die Mühe gelohnt hat. Die Schmuckstücke, die diese letzte Prüfung bestehen, belohnen durch ihre Farblebendigkeit, ihre anmutige Form und ihre federnde Leichtigkeit.

Für die Materialauswahl reise ich regelmässig zum Hersteller. Nur dort gibt es ein entsprechendes Angebot an Pergamenten. Stundenlang dauert die Sichtung, bis aus Hunderten von Häuten einige wenige ausgewählt sind, die meine strengen Anforderungen erfüllen. Doch auch an diesen haben die Anatomie, das Leben und die Verarbeitung ihre Spuren hinterlassen. Je nach herzustellendem Schmuckstück können nur bestimmte Partien einer Haut verwendet werden, eine Auswahl, die viel Erfahrung voraussetzt.

Ulrike Hamm

 

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