Architektur, Kunst und Schmuck

Text: Reinhold Ludwig, Schmuckmagazin Nr.1 2007
Fotos: Stefan Braun, Castrop-Rauxel

Ein Mekka Moderner Schmuckkultur war die Galerie Grosche in Castrop-Rauxel schon seit ihrer Gründung 1995. Seit 2006 ist die Galerie ein Modellprojekt für ganzheitliches Leben. Dabei wird auch Moderner Schmuck im Einklang von Architektur und Kunst der Gegenwart verständlich.

 

Die Idee, in Castrop-Rauxel ein Forum für zeitgenössische Schmuckkunst zu errichten, ist eng mit der Entwicklung der beiden Goldschmiedemeister Kersten und Matthias Grosche verbunden. Nach ihrem Studium an der Zeichenakademie in Hanau übernahmen sie 1995 in Castrop-Rauxel das elterliche Juweliergeschäft mit nahezu 100jähriger Familientradition.

Der erste Akt ihrer Leidenschaft bestand darin, dem Stammhaus eine Galerie für Schmuck der Gegenwart anzugliedern. 2005 wurden beide Geschäfte zu einer einzigen Galerie verschmolzen. Dies hatte zum einen mit der künstlerischen Neigung des Gestalterehepaars zu tun. Zum anderen entsprach es dem wachsenden Bedürfnis jener Menschen, die nach der Jahrtausendwende verstärkt authentische, gut gestaltete Produkte suchten.

Individuelle Schmuckstücke von hoher gestalterischer Qualität waren nicht zuletzt auch deshalb gefragt in Castrop-Rauxel, weil Kersten und Matthias Grosche stilsicher die Arbeiten der besten Schmuckdesigner und -künstler der Gegenwart in ihrer Galerie ausstellten. Im eigenen Goldschmiedeatelier herrschte von Beginn an ein entsprechend hoher Qualitätsanspruch. Der positive Wettbewerb war für die Goldschmiedemeister Ansporn und Verpflichtung zugleich. Ungewöhnliche Edelsteine und Bernstein erlebten in den vergangenen Jahren im Atelier Grosche die Transformation zu tragbaren Skulpturen, die auch als Objekte der freien Kunst gelten könnten.

Die Kunden waren begeistert von diesem anspruchsvollen künstlerischen Weg. Sie fanden in der Galerie Grosche ziemlich genau das Gegenteil der nahezu austauschbaren Labelprodukte. Kersten und Matthias Grosche sind sich heute einig: „Viele Menschen sind übersättigt von Imagekampagnen und suchen das Authentische.“ In der direkten Begegnung mit ihren Kunden, von denen viele Freunde geworden sind, spürten sie, welche Freude es jedesmal für diese war, ein Schmuckstück von seiner Entstehung bis hin zur Fertigstellung zu begleiten und womöglich auf die Gestaltung Einfluss zu nehmen. Das kreative Paar ist sich sicher, dass dies dem heutigen Bedürfnis der Menschen nach Identität entspricht.

Diese Überzeugung veranlasste sie zu ihrem visionären Konzept: dem Galeriehaus Grosche. Es ist ein Meilenstein geworden, um zeitgenössischen Schmuck noch authentischer und intensiver wahrzunehmen. Jeder Besuch wird zu einem Erlebnis. Im Zusammenspiel von klarer Architektur und Kunst offenbart sich die meditative Schönheit von gut gestaltetem Schmuck der Gegenwart.

Das Galeriehaus, das im September 2006 eröffnet wurde, befindet sich auf der zum Landschaftspark umgewandelten ehemaligen Zechenbrache Erin, im Herzen von Castrop-Rauxel. Die neue Perle der Schmuckkultur liegt am Fuße eines knapp 70 Meter hohen stillgelegten Förderturmes. Ihre zeitgenössische Architektur ist Ausdruck und wichtiger Bestandteil des Gesamtkonzeptes.

Kersten und Matthias Grosche haben die Idee verwirklicht, Wohnen und Arbeiten miteinander zu verbinden. Interessierte können in dem reizvollen Ambiente der Entstehung eines Avantgarde-Schmuckstücks vom Entwurf bis zur Fertigung beiwohnen und gleichzeitig das alltägliche Leben und die Persönlichkeit des Schöpfers oder der Schöpferin kennen lernen. So lässt sich authentisch erleben, wie die Identität der Gestalter untrennbar mit dem schöpferischen Arbeitsprozess verbunden ist.

In regelmäßig wechselnden Ausstellungen und Performances werden neben den eigenen Arbeiten auch Avantgarde-Schmuckstücke von anderen international bedeutenden Schmuckkünstlern und Designern präsentiert, die während ihres Aufenthaltes im Galeriehaus direkte Einblicke in ihren handwerklichen Schaffensprozess und ihre künstlerische Auffassung gewähren. Begleitend werden auch artverwandte Bereiche wie Malerei und Bildhauerei in einem Skulpturengarten präsentiert.

Blütezeit der Schmuckavantgarde

Die ehemalige Industriebrache Erin bildet für dieses Projekt die ideale Umgebung. Schmuck, Architektur und Kunst der Gegenwart vor dem Hintergrund der historischen Technologie, des Kohlebergbaus im Ruhrgebiet. Bindemittel der gegenwärtigen Kulturelemente ist das authentische Lebensmodell der Gestalter und Galeristen Kersten und Matthias Grosche. Sie haben eine Vertriebs- und Herstellungsform für neuzeitlichen Schmuck entwickelt, der in herkömmlichen Juweliergeschäften nur schwer zu finden ist. Ihr Lebensmodell ist speziell auf diese Philosophie zugeschnitten und untrennbar mit dieser verwoben.

Schmuck in der Galerie Grosche war nie ausschließlich Gegenstand kommerzieller Transaktionen, sondern Medium für Kommunikation. Schmuckkunst und -design der Spitzenklasse bot immer Anlass für Gespräche über angewandte Kunst und künstlerische Gestaltung, über Form und Inhalt, über Wertvorstellungen und kreative Ideen. Die neue Architektur im Galeriehaus hat den Raum deutlich vergrößert, um Schmuckliebhabern den Schmuck auch auf unorthodoxen Wegen nahe zu bringen. Beispielsweise durch Performances mit Schauspielern und Tänzern. Außerdem besteht anlässlich der regelmäßig veranstalteten Vernissagen die Möglichkeit, die ausstellenden Schmuckgestalter der zeitgenössischen Avantgarde persönlich kennen zu lernen.

Zusammen mit einigen wenigen Schmuckgaleristen und Insidern in Europa leben Kersten und Matthias Grosche in dem klaren Bewusstsein, dass innerhalb der letzten Jahrzehnte vor allem in Deutschland aber auch in den benachbarten Ländern eine wahre Blütezeit der Schmuckavantgarde herrscht. Mit ihrem Galeriehaus möchten sie dazu beitragen, diesen nicht unwesentlichen Teil der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln.

Leben und Arbeiten

Ein Rundgang durch das Galeriehaus Grosche zeigt, dass es dem Architekten Gilles Mercier perfekt gelungen ist, Wohnen und Arbeiten einschließlich des Außenraums miteinander zu verbinden und der interessierten Öffentlichkeit als Erlebnisraum zugänglich zu machen. Das neue Gebäude dient zudem als Pilotprojekt für ein städtebauliches Konzept am Erin-Park, das die Ausübung von Kunst, Design und Handwerk vorsieht. Geplant ist eine Reihung von zwei- bis dreigeschossigen Gebäuden, rhythmisiert durch die lineare Wirkung der Einfriedung in zurückgesetzter Flucht, welche die Baukörper miteinander verbindet. Sie gliedert die Zwischenräume und gibt den Blick frei auf den Park und das Wahrzeichen des Geländes, den Förderturm der ehemaligen Zeche Erin.

Der Entwurf des Schmuckes, seine Herstellung und das häusliche Leben spielen sich in einem Raum ab, den der Besucher in seiner Gesamtheit wahrnehmen kann. Dies in einer großen Nord-Süd-Perspektive, die durch das ganze Haus hindurch führt. Das bauliche Gesamtkonzept gliedert sich in verschiedene Sequenzen: Den Bau mit seinem klaren Volumen, den verbreiterten Bürgersteig vor der Galerie, mit dem Schaufenster und dem Haupteingang zur Schmuckgalerie und einem geplanten intimeren Skulpturenhof als Ausstellungsfläche für Kunst und Design im Freien, in den das Erdgeschoß übergeht. Außenraum und Innenraum werden miteinander verwoben und bilden eine ineinander fließende Einheit.

Wer angesichts dieser ganzheitlichen Ästhetik noch dazu kommt, den Blick weiter schweifen zu lassen, nimmt schließlich einen wilden Garten in Richtung des Förderturmes wahr, auf den ein großer, im ersten Stock liegender Balkon gerichtet ist, wie das Objektiv einer Kamera.

Von der Straße aus ist das Gebäude auch im „Vorbeifahren“ zu sehen. Im Schaufenster sind die Schmuckobjekte ausgestellt, die ihrem Wesen nach aus nächster Nähe entdeckt werden müssen. Der großzügige Innenraum wird durch zweigeschossige Lufträume akzentuiert. Die Fenster sorgen für eine schöne Lichtführung im Inneren. Die Galerie ist auch zentral an der Längsseite über einen Lichthof zugänglich, der den Garten und das Licht in das Haus fließen lässt. Das kontrastierende Material schlägt in Verbindung mit dem Ort des ehemaligen Zechengeländes die Brücke zwischen der neuen Produktionsstätte des Goldschmieds und jener der ehemaligen Schwerindustrie. Beiden zugrunde liegt das „Erz“ als Ausgangsmaterial, das jedoch in verschiedener Weise „veredelt“ wird.

Ist das Galeriehaus geöffnet und beleuchtet, dann wird es zu einem magischen, die Neugier entfachenden Ort. Es ist ein offenes Haus, das die interessierte Öffentlichkeit zum Kommen und Verweilen einlädt.

Aber nicht nur an Kunst und Kultur wurde gedacht. Auch in ökologisch-energetischer Hinsicht haben Architekt und Bauherren Vorbildliches geleistet. Das auf dem Grundstück anfallende Regenwasser wird gesammelt und dient der Wasserversorgung des Gebäudes. Die Beheizung des Hauses im Winter und die Kühlung im Sommer erfolgt regenerativ über Erdwärme.

 

ERIN - Geschichte des Standorts

Der Standort ERIN wurde schon im 3. Jahrhundert n.Chr. als germanischer Handelsplatz genutzt. Im Rahmen der Planung und Erschließung des neuen Landschaftsparks ERIN wurde ab 1991 eine archäologische Ausgrabung vorgenommen, bei der umfangreiches Material geborgen werden konnte, das vor allem auf den Handel mit verschiedensten Metallgegenständen schließen lässt.

Im Jahre 1866 ließ auf diesem Gelände der Ire Thomas Mulvany die Zeche Erin abteufen, die bis zu ihrer Schließung 1983 als das wirtschaftliche und gesellschaftliche Herz Castrop-Rauxels galt.

1989 wurde mit Hilfe von öffentlichen Fördergeldern im Rahmen der IBA das Areal komplett saniert und zu einem Landschaftspark umgewandelt. Heute sind der restaurierte Förderturm und die irische Parklandschaft die Wahrzeichen des Erinparks. Mitlerweile steht der Wirtschaftsstandort ERIN für Wandel: Bewahren der Vergangenheit und Sichern der Zukunft.

So wird eine Brücke geschlagen zu der neuen Produktionsstätte des Goldschmieds und dem Handelsplatz aus dem Altertum, aber auch zum ehemaligen Zechengelände  der ehemaligen Produktionsstätte der Schwerindustrie. Gemeinsam liegt diesen beiden zugrunde das "Erz" als Ausgangsmaterial, das allein nur in verschiedener Weise "veredelt" wird. Aber auch die intensive Identifikation des Bergmannes mit seinem Beruf und sein Lebensalltag in der Zechensiedlung zeigt Gemeinsamkeiten mit dem Lebensentwurf der Familie Grosche auf.

Vor diesem Hintergrund ist das Galeriehaus ein Beispiel für den idealen Strukturwandel:  Produktion und Handel mit innovativen Produkten und Konzepten unter Einbeziehung traditioneller Werte.

 

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